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Wie Schweden in die deutsche Energiepolitik eingreift

Ein kleiner Stich, aber er könnte heilsam sein.

Hi Cleantechie!

Dieser Newsletter gibt dir jede Woche in 5 Minuten den Überblick über die wichtigsten Unternehmen, Forschungsdurchbrüche und Trends der Branche.

In dieser Woche gebe ich dir zwei kurze Denkanstöße zu Strompreiszonen und Freileitungen (ja, schon wieder).

🤲 Bitte schau’ auch aufs Ende dieses Newsletters. Dort kannst du abstimmen, welchem Thema ich mich in einer längeren Artikel-Serie als Erstes widmen soll.

Let’s go!

Deutsche Strompreiszone wird zur europäischen Peinlichkeit

  • Die schwedische Regierung hat einen Antrag von 50 Hertz und Svenska Kraftnat für eine neue 700 MW-Leitung durch die Ostsee abgelehnt. Das berichtet Reuters.

  • Die schwedische Energieministerin sagte: „Wir können Südschweden, das ein großes Defizit bei der Stromerzeugung hat, nicht mit Deutschland verbinden, wo der Strommarkt heute nicht effizient funktioniert.“

  • „Das würde zu höheren Preisen und einem instabileren Strommarkt in Schweden führen.“

  • Deutschland hat einen nationalen Strompreis. Weil gleichzeitig die Netze nicht genug Strom vom windreichen Norden in den industriestarken Süden transportieren können, muss Windenergie immer wieder abgeregelt werden und im Süden die Gaskraft einspringen.

  • Der erneuerbare Strom ist im Norden und Nordosten durch die einheitliche Strompreiszone künstlich teurer.

  • Diesen Aufpreis möchte Schweden, das selbst vier Strompreiszonen im Land hat, nicht zahlen.

  • Die Nord-Bundesländer fordern seit Monaten, dass auch Deutschland mehrere Strompreiszonen bekommt. Dann wäre der Strom dort billiger, wo viel von ihm hergestellt wird.

  • Weil im Norden mehr in die Energiewende investiert wird, sind auch die Netzentgelte höher als im Süden.

🍏 Was ich denke

Schwedens Absage ist genau der richtige Weckruf zur richtigen Zeit in der deutschen Strompreiszonen-Debatte.

Es ist einerseits vollkommen verständlich, dass jene Länder, die viel Industrie und vergleichsweise wenig erneuerbare Energie haben, auf einem fiktionalen deutschen Einheitspreis beharren. Gleichzeitig ist es vollkommen unverständlich, für Bürger und Unternehmen im Norden, die in Sichtweite großer Windparks wohnen, stellenweise sogar mehr für ihren Strom zahlen zu müssen als Menschen und Firmen im Süden.

Das liegt an den Netzentgelten, die für den Netzausbau von den Stromkunden bezahlt werden müssen.

Diese Karte zeigt, wie sie sich in den vergangenen Jahren entwickelt haben. Sie sind vor allem in Schleswig-Holstein, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern deutlich gestiegen (orange).

Quelle: Bundesnetzagentur

Schwedens Absage ist peinlich für Deutschland und hievt die Strompreiszonen-Debatte in Deutschland nun endgültig auf die europäische Ebene. Dort war sie zwar schon die ganze Zeit, weil Deutschland als großer Flächenstaat im Herzen Europas eine entscheidende Rolle im gesamten europäischen Netz spielt.

Aber manchmal hilft es ja, die Dinge einfach mal auszusprechen.

Die Gegner des einheitlichen Strompreises haben jetzt ein Argument mehr: Er gefährdet nicht nur die deutsche Energiewende, sondern auch die europäische Einheit.

Ich möchte aber noch einen anderen Aspekt hinzufügen: Einheitliche Strompreise sind ein marktwirtschaftliches Fiasko und ultimativ behindern sie die Energie-Transformation auch auf einer sehr grundsätzlichen Ebene.

Denn eigentlich wollen wir doch unterschiedlich teuren Strom. Eigentlich wollen wir doch Unternehmen, die mit diesem billigen Strom neue Industrien hochziehen, und zwar genau dort, wo der Strom nicht noch einmal hunderte Kilometer weit transportiert werden muss.

Flexibilität im Netz hat nicht nur eine zeitliche, sondern auch eine räumliche Komponente. Dort, wo Energie billig(er) zu erzeugen ist, sollten sich die Industrien ansiedeln. Es gibt einen Grund dafür, dass sich die deutsche Schwerindustrie zunächst in der Nähe der Kohlereviere ansiedelte.

Für Länder mit vergleichsweise wenig erneuerbarer Energie ist das schwer zu schlucken. Schon klar. Aber der Ausweg ist auch klar: mehr erneuerbare Energie.

Im Süden könnten etwa Höhenwindräder der Energiewende noch einmal einen Schub verleihen, gleichzeitig gibt es natürlich noch immer genug Flächen für althergebrachte Windparks.

👉️ Steige tiefer ein

  • Strompreiszonen für Deutschland: Vorbild Skandinavien? (Bericht von Agora Energiewende)

  • Strompreiszonen – Welche Folgen hätten sie für Bayern? (BR)

  • Interview mit Schleswig-Holsteins Energieminister Tobias Goldschmidt

Freileitung vs. Erdkabel: Liest Markus Söder diesen Newsletter?

  • Exakt 48 Stunden, nachdem ich prophezeit hatte, dass Bayern sich auf keinen Fall wieder für Freileitungen starkmachen werde, erklärte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, dass sich Bayern nun für Freileitungen starkmachen werde.

  • Aus der Meldung des Landtags: „Zur Beschleunigung des Stromleitungsbaus soll der Vorrang der teuren Erdverkabelung aufgehoben werden. Künftig müsse der Grundsatz ‚Überirdisch wo möglich, unterirdisch wo nötig‘ gelten.“ Das betrifft nicht jene Trassen, die bereits geplant oder gebaut werden.

  • Außerdem wolle Bayern den Windkraftausbau beschleunigen und Gewinne aus den Anlagen sollen zum Teil an die Kommunen bzw. Bürger gehen.

  • Der Vollständigkeit halber: Markus Söder liest nicht diesen Newsletter.

🍏 Was ich denke

Nach Söders Ankündigung werden Freileitungen für neue Hochspannungstrassen wahrscheinlicher.

Denn Bayern war vor zehn Jahren die entscheidende politische Kraft für den Erdkbabel-Zwang; damals war es ein absoluter Widerstand. Aber vor allem die verbliebenen Gegner Schleswig-Holstein und Niedersachsen sind bereits Hauptakteure der Energiewende. Sie haben nichts prinzipiell gegen Freileitungen, sondern dagegen, allein die ganzen Lasten der Energiewende zu tragen.

Damit öffnet sich Raum für politische Verhandlungen. Möglich wäre es zum Beispiel, dass die Nordländer ihre Erdkabel-Haltung aufgeben, wenn Bayern ihnen wiederum bei der Frage der Strompreiszonen entgegenkommt.

👉️ Steige tiefer ein

Der Thinktank RMI hat die dritte Edition seines jährlichen Reports „The Cleantech Revolution“ veröffentlicht und sie ist prall gefüllt mit interessanten Charts wie dem oben. Der Chart zeigt, wie Kerntechnologien der Energiewende immer und immer wieder die skeptischen Vorhersagen für deren Ausbreitung geschlagen haben.

Was allerdings keine Rekorde mehr bricht: fossile Energie.

Deals & Jobs

💶 VC-Fond VSquared Ventures hat €214 Millionen für seinen neuen Fond eingesammelt. Sie suchen einen Junior Finance and Administration Manager.

💶 E-Auto-Gebrauchthändler Cardino aus Berlin erhält in einer Seed €4 Millionen (Lead: Point Nine). Fünf offene Stellen, zwei davon in Berlin im Sales-Team.

👀 Karriere-Seiten, der Unternehmen, die in diesem Newsletter auftauchen: Siemens Energy | Solar Fabrik | Ørsted | Tesla | Volkswagen | Yara | 50 Hertz

👉️ Hier habe ich für dich eine Liste von Jobportalen für grüne Jobs zusammengestellt.

❓️ Sucht dein Unternehmen Mitarbeiter:innen? Schreib es mir!

Die wichtigen News

Nachrichten, über die die Branche gerade spricht.

🌬️ Siemens Energy will riesige Windturbine bauen (Link)

🇪🇺 Die Europäische Union hat nun doch das heftig umkämpfte Renaturierungsgesetz verabschiedet. (Link)

🌬️ Schleswig-Holstein stellt einen neuen Plan vor, um Windkraft weiter auszubauen (Link)

☀️ Wetterbedingte Schäden an Solaranlagen übertreffen die Modellierungserwartungen um 300 % (Link)

☀️ Solar Fabrik baut neues Modulwerk bei Aschaffenburg (Link)

🇨🇳 Die chinesische Solarindustrie produziert zu viel. Deswegen fordern Firmenchefs jetzt Eingriff der Regierung (Link)

🔋 Ørsted nutzt Megapacks von Tesla für den größten Windpark der Welt (Link)

🔋 Die Welt braucht mehr Batterien – aber nicht so viele (Link)

⚛️ Terrapower baut seinen ersten Natrium-basierten Atomreaktor ins Herz von „coal country“ in Wyoming (Link)

♨️ Schottische Wissenschaftler testen Flusswärmepumpen für Privathaushalte (Link)

🌡️ Enhanced Geothermal Systems: Rund 4600 Gigawatt an EGS-Kapazität können zu Kosten von 50 €/MWh oder weniger gebaut werden (Link)

🇩🇪 Ex-VW-Chef Herbert Diess: „Die Aufgabe Energiewende wird in Deutschland überschätzt“(Link)

♻️ Das CDR-Startup Running Tide muss schließen, mangels Finanzierung (Link)

♒️ Der Düngemittelriese Yara weiht Europas größte Anlage für grünen Wasserstoff ein (Link)

👷 Und dann war da noch dieser Meldung: SMS Equipment liefert den größten elektrischen Bagger der Welt. 10 Meter breit, 10 Meter lang. Die Schaufel fasst 800 Kubikmeter. (Link)

Der letzte Link

♒️ Ehernes Gesetz der Medienwelt: Alles ist schon einmal da gewesen, jeder Artikel schon einmal geschrieben. Aber dass das so explizit auch für Cleantech-Berichterstattung gelten kann?

Als dieser Artikel erschienen ist, war Michael Ballack Kapitän der Nationalmannschaft: „Auf Wiedersehen, Wasserstoff!

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👋 Als Michael Ballack Kapitän der Nationalmannschaft war, hätte ich erstens nicht gedacht, dass ich mal einen Newsletter über Technik schreibe (und es liebe) und zweitens, dass inzwischen 1122 Menschen diesen Newsletter regelmäßig lesen. Danke für dein Vertrauen! 🙏 

Rico Grimm

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