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Negativ für die Energiewende: Negative Strompreise

Die sind Unsinn, versteht jeder – und genau das ist das Problem.

Hi Cleantechie!

Dieser Newsletter gibt dir jede Woche in 5 Minuten den Überblick über die wichtigsten Unternehmen, Forschungsdurchbrüche und Trends der Branche.

Heute gebe ich dir zwei Denkanstöße mit, aus aktuellem Anlass sind sie beide politisch. Beim einen zoomen wir ganz nah ran, an deutsche Strompreise, beim anderen schauen wir auf das große Ganze: Cleantech als Megatrend.

Let’s go!

Negativ für die Energiewende: Negative Strompreise

  • Deutschland erreichte bereits im Mai sein Solar-Ausbauziel für das ganze Jahr und übertraf damit die Erwartungen.

  • Der Bund fördert den Ausbau seit dem Jahr 2023 komplett allein. Dem dafür vorgesehenen EEG-Konto fehlen €8,769 Milliarden für den Rest des Jahres. Deswegen hat das Wirtschaftsministerium weitere Mittel beantragt.

  • Gleichzeitig wird Strom am Spotmarkt immer öfter zu negativen Preisen gehandelt: im Jahr 2023 geschah das 301 Stunden lang. Ein neuer Rekord.

  • FDP und Union fordern, die EEG-Förderung zu reformieren. Es solle nur nach dann gezahlt werden, wenn auch wirklich Strom gebraucht werde. Das könnte Speichern helfen.

  • Das Wirtschaftsministerium verweist darauf, dass vor allem Altanlagen aus den Jahren 2009 bis 2011 einen „Kostenrucksack“ mit sich brächten, da sie eine hohe Garantieförderung haben.

🍏 Was ich denke

Lass uns die Cleantech-Brille ablegen und wie ein Mensch auf negative Strompreise schauen, den solche Themen eigentlich überhaupt nicht interessieren. Er sieht, überspitzt: Wir geben jedes Jahr zehn Milliarden Euro aus, um den Strom dann stellenweise zu verschenken.

Ganz vielleicht ist das ein wenig irre.

Es gibt Erklärungen für negative Strompreise. Ich könnte sie hier im Klein-Klein herleiten. Aber nur, weil etwas in der inneren Logik eines Systems plausibel ist, muss es das nicht in der äußeren sein. Und das Bild von außen ist eindeutig.

Negative Strompreise sind ein PR-Desaster für die Energiewende.

Denn: Was nichts kostet, ist nichts wert. Und wirds verschenkt, fragt jeder, wo der Haken bei der ganzen Sache ist. Der Haken ist hier 10 Milliarden Euro groß und eignet sich fantastisch als Symbol für all diejenigen, die bei der Energiewende auf die Bremse treten wollen.

Denn Hochspannungsleitung, Redispatch-Kosten, Primärenergiebilanz – das sind so Themen, über die sich Newsletter mit einem grünen Apfel als Symbol schreiben lassen, aber keine politischen Punkte erzielen lassen.

Das ist bei negativen Preisen anders.

Sie sind aus Sicht eines politischen Campaigners, der nach Bildern sucht, ein fantastisches Symbol, mit dem sich Stimmung machen lässt. Es ist ein wenig wie mit den Atomkraftwerken nach Beginn des Ukraine-Krieges. Es gab sehr viele hervorragende Gründe, die Laufzeiten der verbliebenen drei AKWs nicht um mehrere Jahre zu verlängern. Dennoch war es ein rhetorischer Drahtseilakt, dafür zu streiten, mitten in einer Energiekrise Kraftwerke abzuschalten.

Aber selbst, wenn wir solche etwas luftig-symbolischen Erwägungen beiseitelassen, müssen die negativen Preise verschwinden. Sie kosten den Steuerzahler Milliarden und wir brauchen den Strom ja eigentlich! 

Wir brauchen ihn nur nicht zwangsläufig Samstagmittag 13 Uhr im Juni. Aber schon wenige Stunden später nach Sonnenuntergang natürlich. Die Ampel-Regierung hat in den vergangenen drei Jahren viele grundlegend neue energiepolitische Gesetze verabschiedet und damit einen spürbaren Unterschied gemacht.

Für ihr letztes Jahr sollte sie sich ein einziges Ziel setzen, das sehr einfach zu verstehen ist: Strom ist zu wertvoll, um ihn zu verschenken – keine negativen Preise mehr.

Es gibt dafür nicht die eine große Lösung. Dafür muss eine kohärente Speicherstrategie mit entsprechenden Gesetzen kommen, konventionelle Kraftwerke müssen flexibler fahren (dürfen), es braucht mehr intelligente Messstellen und Anreize für die Menschen, ihre Waschmaschinen „netzdienlich“ Samstagmittag laufen zu lassen.

Bis die entsprechenden Gesetze wirklich greifen, könnte die Ampel-Regierung längst nicht mehr im Amt sein und das ist – das verstehe ich – aus Sicht der entsprechenden Politiker schwierig. Denn die Nachfolger könnten sich hinstellen und verkünden, dass sie das „Problem der negativen Preise“ in den Griff bekommen haben, obwohl sie in Wahrheit gar nichts gemacht haben. Sei es drum.

Wenn wir uns alle einig sind, dass wir als Gesellschaft nicht einfach so, 30 Prozent unserer Energie verschwenden können, wie ich in der letzten Ausgabe gezeigt habe, dann sollten wir uns auch einig sein, dass wir diesen wertvollen Strom nicht verschwenden.

👉️ Steige tiefer ein

Biden, Le Pen und der Green Deal: Cleantech bleibt ein Jahrhunderttrend

  • Nach dem für Biden peinlichen TV-Duell mit Trump sind die Chancen leicht gestiegen, dass Trump nächster US-Präsident wird.

  • In Frankreich holt der rechtsextreme Rassemblement National unter Marine Le Pen in der ersten Runde der Parlamentswahlen die Mehrheit – mit Aussicht auf eine absolute Mehrheit.

  • Ursula von der Leyen wird der nächsten EU-Kommission vorstehen. Die will Wettbewerbsfähigkeit priorisieren und den Klimaschutz hinten anstellen.

🍏 Was ich denke

„Politische Börsen haben kurze Beine“. Das ist ein alter, aber zutreffender (!) Börsen-Kalauer. Er sagt, dass Märkte nach politischen Großereignissen kurzfristig überreagieren können, zum Guten wie zum Schlechten – ehe sie dann wieder zu ihrem langfristigen Trend zurückkehren.

Der Spruch kam mir in den Sinn, als ich über die möglichen Folgen dieser Wahlen für den Klimaschutz nachdachte. Haben diese Wahlen die Kraft, dieses langfristige Jahrhundertprojekt zu beenden? Kann ein Trump das? Eine Le Pen? Wird Ursula von der Leyen ihr wichtigstes politisches Vorhaben der ersten Amtszeit beerdigen, weil die Grünen ein paar Stimmen verloren haben?

Ich denke: Die Lage ist besser als die Stimmung. Die großen Abschreibungen, die Downrounds in der Startupwelt, die Skandale im CO₂-Kredit-Markt – das liegt hinter uns. Investoren weltweit preisen schon seit Jahren eine gewisse Abkühlung ein. Große Cleanenergy-ETFs haben mehr als 50 Prozent seit dem Jahreswechsel 2020/2021 verloren.

Schlimmer kann es natürlich immer kommen und ich glaube auch nicht, dass ein Präsident Trump gut für den Klimaschutz wäre.

Aber die politischen Fundamente (Green New Deal in der EU & Inflation Reduction Act in den USA), auf denen Klimaschutz seit 2018 steht, sind solide.

Nur ein kleines Beispiel dafür: Die größten Nutznießer des Inflation Reduction Acts finden sich in traditionell republikanischen Staaten. Dort wird am meisten investiert, wie diese Karte von CNN zeigt.

Quelle: CNN

Selbst Parteien, die gegen grüne Politik wettern, können den techno-ökonomischen Megatrend der Elektrifizierung nicht umdrehen. Abbremsen, verlangsamen, aufhalten und sabotieren – all das, ja, aber nicht aufhalten.

👉️ Steige tiefer ein

  • Carbon Brief gibt einen Überblick über Klimapolitik der drei großen Blöcke in Frankreich

  • Welche umwelt- und klimapolitischen Vorgaben Trump abschaffen könnte, zeigt NPR

Jobs & Deals

💶 Live EO aus Berlin nutzt Satellitendaten und KIs, um kritische Infrastrukturen vor Klimarisiken zu schützen. Gerade hat es €25 Millionen einer Series B (Leads: NordicNinja, DeepTech & Climate Fonds) erhalten. 20 offene Stellen in allen Gebieten.

💶 Ecomio aus Berlin vermittelt nachhaltige Geschäftsreisen. Eine niedrige siebenstellige Summe hat das Startup gerade erhalten (Leads: IBB Ventures, identity.vc, Hans(wo)men Group). Offene Stellen, u.a. Senior Software Engineer.

💶 Heimladen aus Würzburg installiert Ladeinfrastruktur in Immobilien. Das Startup erhält eine siebenstellige Wachstumsfinanzierung von drei Investoren Adrian Zierer, Stefan Keller und Lukas Mayer. Drei offene Stellen in Sales, Service und Vertrieb.

💶 Hellgrün aus Berlin vermittelt Finanzierungen für gewerbliche PV-Anlagen. Jetzt hat es €500.000 in einer Seed eingesammelt. Offene Stelle: Marketing Manager.

👉️ Hier habe ich für dich eine Liste von Jobportalen für grüne Jobs zusammengestellt.

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Die wichtigen News

Nachrichten, über die die Branche gerade spricht.

🧑‍✈️ CATL erwartet, dass seine Batterien Elektroflugzeuge mit einer Reichweite von bis zu 3.000 km antreiben können (Link)

🧑‍✈️ Bis zu 72 Euro mehr: Lufthansa erhöht Flugpreise ab Januar mit Umweltgebühr (Link)

🧮 Solandeo findet Investor und erhält Großauftrag von 1Komma5 (Link)

🔋 Batteriezellfabriken für 462 Gigawattstunden in Deutschland geplant (Link)

♨️ In Berlin haben Anwohner die erste Energiegenossenschaft der Stadt gegründet, um die Wärmewende vor Ort umzusetzen (Link)

🌬️ Das chinesische Unternehmen Titan Wind will in Deutschland besonders große Offshore-Windkraftfundamente herstellen (Link)

🏭️ Linde und Heidelberg Materials: Start der ersten großtechnischen Anlage zur CO₂-Abscheidung und -Verwertung in der Zementproduktion (Link)

🏭️ Bis zu 95 Prozent weniger Emissionen: Recyclingmaterial soll für klimafreundlichen Zement sorgen (Link)

🌍️ Wissenschaftler haben einen digitalen Zwilling der Erde gebaut, um die Zukunft des Klimawandels vorherzusagen (Link)

🐄 Warum Dänemark es schafft, eine Klimasteuer auf Fleisch und Milch einzuführen (Link)

♻️ Frontier schließt bisher größtes europäisches Abkommen über die Beseitigung von Kohlendioxid ab (Link)

💶 Die Finanzierung von Rondo Energy zeigt einen neuen Weg durch das „Tal des Todes“ (Link)

Der letzte Link

🧩 Wer das lösen kann, muss quasi zwangsläufig zum Geothermie-Sonderbotschafter für Deutschland ernannt werden: das Geothermie-Kreuzworträtsel (auf Englisch).

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👋Dass die Ampel-Regierung ausgerechnet bei Balkon-PV in Kleingärten so wischiwaschi rumeiert, dass man als geneigter kleingärtnender Cleantechie abwägen muss, ob man sich neben Rahmengartenordnung wirklich noch eine weitere bürokratische Fußfessel umbinden will – das nehme ich wirklich persönlich 🧑‍🌾 

Rico Grimm

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