Das größte Energiewende-Missverständnis

Es wird nicht ganz so schwer, wie viele denken.

Hi Cleantechie!

Dieser Newsletter gibt dir jede Woche in 5 Minuten den Überblick über die wichtigsten Unternehmen, Forschungsdurchbrüche und Trends der Branche.

In dieser Woche geht es um einen Trugschluss, der mir immer und immer wieder begegnet, selbst bei Menschen, die relativ nah an der Energiewende dran ist. Ich zeige dir heute, warum wir weniger Energie in einer elektrifizierten Welt brauchen als in einer fossilen.

Am Ende des Newsletters präsentiere ich das Ergebnis der Themenumfrage aus der letzten Ausgabe. Es gab einen eindeutigen Sieger.

Let’s go!

Vergessen wir „Primärenergie“ – die Energiewende wird leichter als gedacht

Warum das wichtig ist

  • Primärenergie ist die Energie, die den natürlichen Quellen entnommen wird.

  • Ein Liter Heizöl enthält 10 Kilowattstunden (kWh), ein Kilogramm Steinkohle 8 kWh usw.

  • Primärenergie ist ein Konzept, das während der Ölkrise in den 1970er-Jahren von der Internationalen Energieagentur IEA eingeführt wurde.

  • Zurzeit verbraucht die Menschheit global 180.000 TWh Primärenergie. Erneuerbare stellen davon weniger als zehn Prozent.

  • Dieser Verlgeich ist irreführend.

  • Energiewende-Skeptiker wie Bjørn Lomborg, Vaclav Smil oder Stefan Aust nutzen diese Zahlen, um Angst vor der Energiewende zu schüren.

Was dahintersteckt

Primärenergie ist ein bedeutungsloses Konzept in einer elektrifizierten Welt. Es sagt uns, wie viel Energie in Energiequellen steckt, bevor wir sie umwandeln.

Aber nicht diese Energie ist für uns wichtig, sondern die erzeugte. Schließlich kippt niemand ein Fass Öl (159 Liter) in seinem Wohnzimmer aus und erwartet, dass es wärmer wird.

Wir müssen alle Energiequellen umwandeln, damit sie nützlich werden. Wir raffinieren Öl, fangen Sonnenlicht mit PV-Anlagen auf und nutzen Kernspaltung, um Wasser zu erhitzen und Turbinen anzutreiben.

Die erzeugte Energie ist für uns entscheidend. Das ist die sogenannte Sekundärenergie, mit der wir unsere Zivilisation antreiben.

Elektrische Systeme sind effizienter als fossile. Jedes Joule Energie, das wir in ein elektrisches System stecken, kommt mit höherer Wahrscheinlichkeit dort an, wo wir es verbrauchen wollen: am Rad, im Ofen, in der Wärmepumpe.

Der Motor eines E-Autos ist 2-4 mal effizienter als ein Verbrenner, weil er weniger Abwärme erzeugt. Eine Wärmepumpe kann aus 1 kWh Strom bis zu 4 kWh Wärme erzeugen, da sie mit der Umgebungstemperatur arbeitet.

Ein Gasboiler wiederum verheizt das Gas und das war's. Verbrenner-Autos sind eigentlich Heizungen auf Rädern. (AKWs sind gigantische Wasserkocher.)

Wer also mit Grafiken vom Primärenergiebedarf herumwedelt und die Energiewende damit kritisieren will, sitzt einem Trugschluss auf. Es ist, als hätten sich die Leute in den 1920ern vor die ersten Autos gestellt und gefragt: „Und? Wie viel Hafer frisst das Ding jeden Tag?“

Schau dir diese Grafik an: Sie vergleicht die drei Sektoren Energie, Wärme in Gebäuden und Verkehr. In jedem Bereich sind die elektrischen Alternativen (untere Reihe) mindestens doppelt so effizient, oft sogar viermal. Das liegt an den dunkelblau markierten Energieverlusten, die fossile Systeme unweigerlich und technisch bedingt haben.

Quelle: RMI

Selbst Kohlekraftwerke, die komplett ausgeforscht sind, bringen es nur auf eine Effizienz von 45 Prozent.

Wie viel Primärenergie wir in Deutschland wofür nutzen, zeigen Energieflussdiagramme. Hier ist das aktuelle für Deutschland: Wir schmeißen jedes Jahr mehr als 30 Prozent unserer Primärenergie weg.

Das ist, gemessen an dem Aufwand, den wir betreiben, um diese Energie zu erschließen, zu fördern, zu transportieren und zu raffinieren, erstaunlich.

Quelle: AGEB (PDF)

Aber in Deutschland zeigen sich bereits die Folgen der großen Elektrifizierung. Der Primärenergiebedarf sinkt seit dem Mauerfall, während die Wirtschaft der Bundesrepublik sich mehr als verdoppelt hat.

Quelle: UBA

Dazu kommt: Wir nutzen die Primärenergie von erneuerbaren Anlagen nicht nur effizienter, sie ist auch kostenlos und nach menschlichen Maßstäben unendlich.

Wenn etwas kostenlos und unendlich ist, nehmen wir es als gegeben hin. So ist es auch mit der Primärenergie aus erneuerbarem Strom. Niemand misst, wie viel Sonnenlicht auf die Millionen Anlagen jeden Tag genau fällt und wie viel verloren geht.

Die Primärenergierechnung nimmt einfach an, dass der Wirkungsgrad der erneuerbaren Anlagen bei 100 Prozent liegt, weil wir nichts anderes messen können. Bei Öl und Gas aber wissen die Betreiber, wie viel sie davon in ihre Anlagen einspeisen, schließlich bezahlen sie auch dafür.

Das verzerrt die Statistik des Primärenergieverbrauchs komplett. Darin ist nämlich eine Kilowattstunde direkt nutzbarer grüner Strom genauso viel wert wie drei Kilowattstunden, die in unverbrannter Kohle stecken.

Anders gesagt: Der Anteil erneuerbarer Energie am Primärenergieverbrauch ist auch deswegen so klein, weil sie so effizient sind. Das als Argument gegen die Energiewende zu nutzen, ist abstrus.

Denn gehst du in den Supermarkt, öffnest die Packung mit zehn Eiern, siehst darin drei kaputte Eier, läufst mit dem Lächeln des großen Schnäppchenjägers zur Kasse und zahlst? Du bist ja nicht blöd.

Wir als Gesellschaft sind es schon.

Wir haben 30 Prozent Verschwendung in unserem System eingebaut und hielten das so lange für normal, wie es keine Alternative gab. Aber jetzt gibt es eine. Wer mit Primärenergie-Charts herumwedelt oder Technologieoffenheit in Deutschland fordert, sagt eigentlich: „Lasst uns weiter verschwenden!“ 

Ich warte gespannt auf Wahlkampf-Plakate, auf denen dieser Spruch steht. Die werden in die Geschichte eingehen.

Wie viel besser ist da die andere Erzählung?

Letztlich bedeutet der Primärenergie-Trugschluss, dass in einem fairen Wettbewerb zwischen elektrischen und fossilen Systemen immer das elektrische gewinnt. Denn Effizienz steht auch als Synonym für Kosten.

Elektrische Systeme sind schon nach wenigen Jahren die billigeren und deswegen langfristig überlegen.

Effizienzgewinne heißt eben auch: Die Aufgabe ist viel kleiner als gedacht.

Viel leichter, als du denkst“ – das wäre zwar auch ein eigenartiger Slogan für ein Wahlkampfposter, aber herrje, die Stimmung im Land wäre besser.

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„ELEKTROMOTOREN UND VERBRENNUNGSMOTOREN HABEN JEWEILS IHRE VOR- UND NACHTEILE …“ Ok, easy, Randall

Vielen Dank an alle, die bei der Themenumfrage mitgemacht und mir Fragen geschickt haben. Klarer Sieger waren die Speichersysteme. Ihnen werde ich mich in den nächsten Monaten verstärkt widmen. Die anderen Themen bleiben auf meinem Zettel, keine Sorge!

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👋 Wir sind hier im Cleantech-Newsletter schon klar. Aber als die Journalistin Tracy Alloway von Odd Lots versuchte, ein einzelnes richtiges Fass Öl zu kaufen? Schon legendär. (Sie hat es nicht in ihrem Wohnzimmer ausgeschüttet.)

Rico Grimm

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